Oft lernen wir vermeintliche Selbstverständlichkeiten erst dann zu schätzen, wenn wir sie (fast) verloren haben. So ging es mir 2021 nach einem Schlaganfall, der mein Leben vollkommen durcheinander brachte. Mit intensiver Therapie, mit viel eigener Energie und Disziplin habe ich mir die Fähigkeit zu sprechen zurückerobert.
Bis zu dem Schlaganfall war ich eine Frau der Worte, der Sprache, der Schrift. Als Sozialwissenschaftlerin hatte ich in der Verwaltung ein Amt geleitet. Inzwischen war ich Rentnerin und als Honorarkraft in einer kirchlichen Beratungsstelle als Ehe- und Lebensberaterin tätig. Das Wort Schlaganfall trifft es: Mit einem Schlag war alles anders. Ich hatte meine Sprache vollständig verloren und musste das Sprechen neu lernen. Das erste Wort, das ich lernte, war „Hallo“. In der Beratungsstelle hatte ich Ratsuchende dabei unterstützt, Worte zu finden. Einen Ausdruck für das, was sie fühlen, woran sie leiden, was sie sich erhoffen und ersehnen. Und nun war ich selbst verstummt. Ich musste lernen, mich auch ohne Worte auszudrücken. Wenn es gelang, war das für mich und oft auch für mein Gegenüber ein beglückendes Gefühl von Verbundenheit. Offenheit und Interesse auf beiden Seiten begünstigten, dass Kontakt entstehen konnte. Geduld war wichtig, ein Kreativwerden, ein „Zuhören“ mit allen Sinnen. Es gab auch das Gegenteil: Ich wurde nicht verstanden und hatte manchmal den Eindruck, als dumm zu gelten. Schwierig waren Fragen, die ich nicht mit Ja oder Nein beantworten konnte: „Wollen Sie einen Kaffee mit Milch?“ – wenn ich ihn gern, aber ohne Milch trinken wollte. Oder noch schwieriger, wenn nicht mit mir, sondern mit meinem Mann gesprochen wurde. Nicht verstanden zu werden kann einen zur Verzweiflung bringen. Ich musste lernen, geduldig zu sein, mit mir selbst und mit meinen Gegenübern. Ich hatte viel Glück, dass meine Familie und meine Freundinnen mir immer beistanden und geduldig warteten, bis sie mich verstanden hatten, und auch mit den Therapeuten, die mir halfen, das Sprechen wieder zu erlernen. Sprache ist eine der wichtigsten Brücken zum anderen. Übrigens nicht nur bezogen auf den plötzlichen, krankheitsbedingten Verlust der Sprache, sondern auch in anderen Lebenslagen,
Z. B. wenn man als Flüchtling in ein fremdes Land kommt oder die Sprachkompetenz durch eine Behinderung
eingeschränkt ist. Immer braucht es ein Gegenüber, das bereit ist, sich auf die Lage einzustellen
und versucht, achtsam in Kontakt zu gehen. Ich möchte Mut machen. Ob nun durch eine Krankheit
sprachlos geworden, ob durch besondere Lebensumstände eingeschränkt, ob aus emotionalen Gründen
keine Worte findend: Trauen Sie sich!
Trauen Sie sich – immer wieder – ins Wort zu finden, Wörter hervorzubringen, zu sprechen,
zu reden, zu fragen, zu antworten! Die Nichtbetroffenen möchte ich ermuntern, immer wieder
Zeichen zu setzen in dem geduldigen, ehrlichen Bemühen, verstehen zu wollen.
Margrit During hat ein Buch über ihren Weg zurück zum Reden-Können geschrieben;
darin kommen auch zwei Logopädinnen zu Wort sowie neun Menschen, die ebenfalls eine Aphasie haben
Margrit During
Als ich meine Sprache verlor .....
Diagnose: Aphasie und Sprechapraxie
Erscheinungsdatum: 15.04.2024
ISBN: 978-3-7597-0738-3